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Geschichte der ÖHG
1960
Die ÖHG wurde im Jahr 1966 von Prof. Dr. Dr. h.c. Erwin Deutsch an der
1. Medizinischen Universitätsklinik Wien gegründet – drei Jahre nach Gründung der World Federation of Hemophilia
durch Frank Schnabel in Montreal, Canada.
Prof. Deutsch hatte an der Wiener Klinik ab 1952 ein Hämophilie-zentrum eingerichtet und damit begonnen,
die Hämophilen in Wien, Niederösterreich und Burgenland zu erfassen.
Die frühen Ziele der Gesellschaft entsprachen den damaligen Behandlungsmöglichkeiten mit Frischplasma und Cohn-Fraktion
und waren auf kliniknahe / interne Ziele ausgerichtet: eine eigene Hämophiliestation und ein angeschlossenes
Internat wurden angestrebt; die reguläre Schulbildung sollte auch während der oft langen Spitalsaufenthalte ermöglicht werden.
1969 wurde die erste Zeitung unter dem Titel "Mitteilungen der Österreichischen Hämophilie Gesellschaft" an die Mitglieder versandt.
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1970
Bei der Generalversammlung im Februar 1970 wurde ein erster Schritt von der Ärztegesellschaft
zur Patientengemeinschaft gesetzt: Vera Williams, Mutter eines Hämophilen übernahm die Leitung der Gesellschaft.
Im Juli 1970 war die junge ÖHG Gastgeber für den 6. Internationalen Kongress der World Federation of Hemophilie in Baden bei Wien.
In den 70er Jahren wurden die Bluter mobiler. Die neuen Gerinnungskonzentrate ermöglichten auch ambulante anstelle ausschließlich
stationärer Behandlungen. Orthopädische Eingriffe und heilgymnastische Rehabilitation wurden forciert.
1972 fand unter der Leitung von Gerhild Bauer (Vizepräsidentin der Gesellschaft und Mutter eines Hämophilen) das erste Sommerlager
der Österreichischen Hämophilie Gesellschaft statt. Es war für viele Buben die erste umfassende Therapiemöglickeit:
gezielte Physiotherapie und ständige ärztliche Kontrolle waren während des Sommerlagers gewährleistet, so dass den betroffenen Familien für ein
paar Wochen die Sorge um den hämophilen Sohn abgenommen werden konnte.
Für viele Jahre war dieses Sommerlager der Schwerpunkt der Gesellschaftsarbeit. Es ist die älteste Rehabilitationseinrichtung in der "hämophilen
Welt", gleicht mehr einem Sport-Camp als einem Rehabilitations-Lager und findet im Jahr 2002 somit zum 31. Mal in Folge statt!
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1980
Anlässlich der Generalversammlung 1981 fand die endgültige Geschäftsübergabe an die unmittelbar Betroffenen statt:
Herbert Gruber wurde der erste hämophile Präsident der ÖHG. Gruber initiierte eine Arbeitsgruppe, die – mit wechselnder Arbeitsaufteilung –
bis heute die Funktionen im Vorstand der Gesellschaft wahrnimmt.
Verstärkt wurde Informationsarbeit geleistet:
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seit 1982 erscheint die Mitgliederzeitschrift "FAKTOR" vierteljährlich.
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seit 1983 finden im 2-Jahres-Rhythmus Bundeskongresse statt
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beim 2. Bundeskongress 1985 wurde der von der ÖHG produzierte Videofilm "Hämophilie – Leben mit der Bluterkrankheit" vorgestellt.
Von dieser Produktion wurde später auch eine englischsprachige Version erstellt und 1987 beim 17. WFH-Kongress in Mailand gezeigt.
Seit dem Bekannt werden der AIDS-Gefährdung Hämophiler über kontaminierte Plasmapräparate bekam dieser Umstand
immer mehr Bedeutung – auch für die Arbeit der ÖHG. Beim 2. Bundeskongress (1985) wurde dieses Thema von Patienten und Behandlern erstmals
bundesweit – und heftig! – diskutiert.
Es kommt zum Wechsel aus dem Gemeinschaftsbüro der Arge Rehabilitation in das medizinische "Selbshilfezentrum Obere Augarten Straße".
Ein Sozialhelfer arbeitet mit dem GF der ÖHG/Aidshilfe für die Betroffenen.
Der Faktor Sonderdruck/Hämophilie und AIDS wurde veröffentlicht (1985/1).
Von der Generalversammlung 1985 wurde Helmut Heisig zum neuen Vorsitzenden gewählt. Herbert Gruber übernahm 1987 die Leitung der ÖHG/AIDS-Hilfe als einen
neuen Geschäftsbereich innerhalb der Österreichischen Hämophilie Gesellschaft.
Gleichzeitig mit der Installierung der ÖHG/AIDS-Hilfe wurden die Statuten der Gesellschaft neu formuliert, um den neuen Aufgabenbereich der ÖHG auch
vereinsrechtlich abzusichern. Mit der ÖHG/AIDS-Hilfe wurde auf die Tragweite der HIV-Infektionen bei Hämophilen reagiert: Beratung, psychologische
Betreuung, Hilfestellung, sozialmedizinische Maßnahmen sind als umfassendes Gebiet in die Tätigkeit der ÖHG aufgenommen worden.
Ein weiterer Faktor Sonderdruck (Die HIV-1-Infektion bei Hämophilen, Konsequenzen – Therapie) erscheint im Mai 1988, eine Fragebogen-Aktion zur HIV-Infektion
bei Hämopohilen wird am Institut für Sozialmedizin der Universität Wien ausgewertet (Hämophilie/AIDS-Beratungsservice).
1989 findet die Gründungssitzung des "Unterstützungsfonds für Personen, die durch medizinische Behandlung oder Tätigkeit mit HIV infiziert
worden sind, und deren Angehörige" statt.
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1990
Das Hauptthema der 90iger Jahre bleiben die Entschädigungsleistungen für virusinfizierte Bluter. Nach ersten mühevollen
Schritten im Bereich des "Unterstützungsfonds" werden die monatlichen Zahlungen immer weiter aufgestockt. Schließlich, nach einer Sammelklage
des eigens gegründeten VVIGG-Verein zur Vertretung der Interessen von durch Gerinnungsfaktoren Geschädigten, kommt es 1994 zu einem Vergleich und
die Zahlungen des Unterstützungsfonds an die Fondsbegünstigten werden aufgestockt. Neben dem Bund (Bundesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales)
zahlen bald auch die Bundesländer und das Österreichische Rote Kreuz, 1995 erhält jeder Fondsbegünstigte monatlich 20.000. Schilling.
Erste Überlegungen zur Entschädigung der Hepatitis C-Infektion werden angestellt, bleiben aber ergebnislos. Kooperationen mit der neu gegründeten
Hepatitis Liga Österreich erweisen sich als fruchtbar, gegenseitige Unterstützung prägt diese Beziehung.
Plasmaspender werden nicht zu einem "Feindbild" der Bluter, wie dies in den 80iger Jahren Homosexuelle waren, deren Plasmaspende als
Ursache für Aids angesehen wurde. Eine "Entkrampfung" der Beziehung wird vom Vorstand der ÖHG angestrebt und gipfelt neben der Wahl
eines Hämophilen in den Vorstand der Aids Hilfe Wien in der Auslagerung spezifischer Aktivitäten in das SHZ des Aids-Hilfe-Hauses.
Viel Informationsarbeit wird durch die Innovationen im Gerinnungsfaktoren-Bereich nötig, viel Betreuungsarbeit bei den HIV- und HCV-positiven Patienten
notwendig. Es ist auch ein "Jahrzehnt des Todes" in der Hämophilie-Gemeinschaft. Aids rafft die Mitglieder und Funktionäre der ÖHG dahin,
die Hepatitis tut das ihrige dazu. Das "Coming out" der Bluter wird in seinen Anfängen gestoppt, die Substitutionstherapie, die eigentlich eine
Normalisierung des Lebens Hämophiler hätte bringen können, hat zu einem neuen Biedermeier, also einem Rückzug aus dem öffentlichen Leben geführt.
Der Einzug der rekombinanten Präparate (Faktor VIIa, Faktor VIII, Faktor IX), also der gentechnisch hergestellten Faktorenkonzentrate,
und die Erforschung einer wirksamen Therapie bei der Hemmkörperhämophilie nehmen der Bluterkrankheit mehr und mehr an Schrecken, aber andere kommen, so z.B.
die Creutzfeld Jakob Krankheit. Die Therapien der Virusinfektionen verbessern sich ständig, Aids wird damit zwar noch nicht heilbar aber zu
einer "chronischen Krankheit"; erste Erfolge bei der Hepatitis C-Therapie lassen die infizierten Bluter hoffen. Das größere Angebot an
Möglichkeiten führt jedoch in gleichem Maße zu einer höheren Inanspruchnahme der Selbsthilfegruppe. Der Umzug aus dem "Selbsthilfezentrum Obere
Augartenstraße" und die Auslagerung der HIV- und HCV-assoziierten Belange in das neue "Aids Hilfe Haus" wird angeboten, und auf Grund
der deutlich besseren Arbeitsbedingungen und vollkommen neuen Infrastruktur des Hauses gerne angenommen. Das "alte" Büro bleibt als Projektbüro für
Sommerlageraktivitäten und ähnliches erhalten. Ein Teilzeitmitarbeiter steht dem GF der ÖHG-Notfallhilfe zur Seite, fixe Bürozeiten (Montag, 10:00 bis 12:00)
ermöglichen konstantes Service und routinierteres Arbeiten.
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2000
Der Ausblick ist optimistisch und vielfältig:
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Gentechnische Präparate,
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Gentherapie zur "Heilung der Bluterkrankheit",
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verschuldensunabhängige Entschädigungsleistungen für die "Pioniere" der Hämophilietherapie
(die vor 1985 mit plasmatischen Produkten virusinfizierten Bluter),
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die durch prophylaktische Behandlung so gut wie gesunden Kinder, die
am Sommerlager die Besucherherzen hoch und höher schlagen lassen.
Jedoch weiß niemand, ob sich ein "Supergau" wie die HIV-Katastrophe wiederholen wird. Die Beteuerungen der Hersteller von
Gerinnungsfaktoren, und der Ärzte, die sich von rekombinanten Präparaten und der Gentherapie die Lösung des Blutungsproblemes versprechen,
oder der Politiker, die keine Zwei-Klassen-Medizin zulassen wollen und den Zugang zur "state of the art"-Medizin für alle Patienten
versprechen, wie verlässlich sind sie? Wir wissen es nicht, aber die Zukunft wird es zeigen. Und dieser Zukunft sehen wir, Patienten wie
Patientenvertreter hoffnungsfroh entgegen.
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