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APA0023 5 CI
0353 09.Apr 02
Hämophilen-Alarm (1/2): Versorgung mit Gerinnungsfaktoren
in Gefahr
...durch mögliche Änderungen zur neuen
EU-"Blut-Richtlinie" ÖHG-Geschäftsführer Hartl: "Dann fehlen uns bis zu 50 Prozent des Plasmas"
Wien (APA) - In Österreich gibt es rund 500
Betroffene, in Europa etwa 40.000, weltweit rechnet man bei einer großen
Unschärfe der Schätzungen mit rund 400.000 bis 500.000 Patienten:
Hämophile ("Bluter"), die auf eine gesicherte Versorgung mit
Blutgerinnungsfaktor-Präparate angewiesen sind. In zeitlichem Zusammenhang
mit dem bevorstehenden Welt-Hämophilie-Tag (17. April) schlagen jetzt die
österreichischen Bluter Alarm. Bis zu 50 Prozent des für die
Gerinnungsfaktor-Herstellung notwendigen Spenderplasmas könnten nämlich in
Zukunft verloren gehen.
"Wenn das Europäische Parlament den von Frankreich, Dänemark und den
Niederlanden eingebrachten Änderungen zur neuen EU-'Blut-Richtlinie'
zustimmt, fehlen uns für die Versorgung der Hämophilen bis zu 50 Prozent
des für die Herstellung der Präparate notwendigen Spenderplasmas. Da gibt
es Tote", warnte der Geschäftsführer der Österreichischen Hämophilie
Gesellschaft (ÖHG), Dr. Hubert K. Hartl, gegenüber der APA.
Der Hintergrund: Frankreich, Dänemark und die Niederlande wollen erreichen, dass es in Zukunft keine Entschädigungen
mehr für das Spenden von Blutplasma gibt. Ein Gutteil des für die verschiedensten Plasmaprodukte notwendigen Spenderplasmas kommt aber aus
dieser Quelle.
Hartl: "Über die Richtlinie wurde lange
verhandelt. Man war bereit, von einer 'Bezahlung' von Plasmaspenden
abzugehen. Es blieb die 'Remuneration'." Doch auch die wollen die
Befürworter der neuen Richtlinie weg haben.
Der Arzt, der seit vielen Jahren als selbst
Betroffener für die Belange der Bluter in Österreich kämpft: "Auch die
Einfuhr von Blutplasma und Plasmaprodukten nach Europa soll verhindert
werden, wenn deren Spender eine Aufwandsentschädigung erhalten haben. Wenn
aber die Richtlinie in dieser jetzt vorgesehenen Form verabschiedet wird,
muss mit einer ernsten Versorgungskrise gerechnet werden, da ein Großteil
der 500 Hämophilen in Österreich nicht mehr ausreichend mit Medikamenten
versorgt werden könnte."
Hartl weiter: "Zur Zeit stammt fast die
Hälfte der in der Europäischen Union verwendeten plasmatischen
Gerinnungsfaktoren von entschädigten Spender, die entweder Plasma in der
EU gespendet haben oder deren Plasma importiert wurde. Man kann sich in
Brüssel offenbar nicht vorstellen, welche Bedrohung es für die Patienten
bedeutet, wenn auf Grund der eingebrachten Änderungsvorschläge die
Versorgung mit lebensnotwendigen Produkten halbiert wird."
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09.Apr 02
Hämophilen-Alarm (2/2): Plasma-Präparate wesentlich sicherer geworden
Gefahr auch für EU-Beitrittskandidaten
Ins Kreuzfeuer mancher Kritik kam Spenderplasma ehemals im Gefolge der
Infektion zahlreicher Bluter über die Gerinnungspräparate mit HIV.
Doch mittlerweile hat sich die Situation laut dem österreichischen
Experten grundlegend gewandelt. Neue technische und organisatorische
Vorkehrungen - so die PCR-Testung von Plasma und auch die
Quarantäne-Regelung für Plasma sowie verbesserte Inaktivierungsverfahren -
haben die Sicherheit aller Plasmaprodukte in den vergangenen 15 Jahren
entscheidend erhöht.
Der Geschäftsführer der Österreichischen Hämophilie Gesellschaft (ÖHG),
Dr. Hubert K. Hartl: "Es gibt keinen einzigen Beweis dafür, dass
Arzneimittel, die von nicht-entschädigten Spendern stammen, irgendwie
sicherer sind als die von entschädigten Spendern." Auch könne man die
beispielsweise in Österreich übliche Entschädigung von rund 18 Euro pro
Plasmaspende wirklich nicht als finanziellen Anreiz sehen. Hartl: "Früher
haben sich Studenten damit Geld verdient, aber selbst bei möglichen 50
Plasmaspenden pro Jahr ist das keine Summe mehr."
Hinzu kommt, dass die Versorgung mit gentechnisch erzeugtem Faktor VIII -
nur einer der Blutgerinnungsfaktoren - entgegen den ursprünglichen
Erwartungen immer wieder mit Problemen zu kämpfen hat. Die ursprünglichen
Aussagen der Pharmaindustrie, dass man mit den rekombinant hergestellten
Blutgerinnungsfaktoren eine unbegrenzte Menge der Präparate und noch dazu
zu tieferen Preisen bekommen würden, hätten sich - so Hartl - zumindest
nicht bewahrheitet: "Die Produkte sind teurer geworden und oft schwer
erhältlich." Der Grund: Immer wieder kommt es bei manchen Herstellern zu
Schwierigkeiten und Produktionsausfällen. Das führt zu einer weltweiten
Knappheit.
In Gefahr - so der ÖHG-Geschäftsführer - sei aber auch die Versorgung der
Bluter in den EU-Beitrittsländern: "Die haben Spenderplasma exportiert und
dafür dann einen Teil als fertige Gerinnungsfaktor-Präparate zurück
erhalten. Das wäre gefährdet."
Die global bestürzende Situation der 400.000 bis 500.000 Menschen, die
auf die Gerinnungsfaktor-Präparate angewiesen sind, laut Hartl: "Nur zehn
Prozent von ihnen sind nach dem Stand der westlichen Industrieländer
versorgt. 80 Prozent der Bluter weltweit sind unversorgt." Bei Verzicht
auf eine Remuneration könne die Situation nur noch ärger werden.
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